Freitag, 11. Februar 2011

Ich lebe immer noch...

Es ist schon wirklich interessant zu beobachten, wie die Homöopathiefraktion auf die internationale 10:23-Kampagne reagiert hat. Wenn ich mich durch die Kommentare zu den zahlreichen Videos wühle, findet sich eine Menge Lustiges. Was sich nicht findet, ist eine Antwort auf die einzige Frage, die interessant wäre: Wie kann reiner Zucker irgendeine Wirkung auf den Gesundheitszustand haben? (Naja, wenn man Diabetiker ist, dann dürfte der Zucker schon wirken...) Stattdessen werden - wie schon im Vorfeld - lauter hübsche Strohmänner aufgebaut und Nebelkerzen gezündet.

Aus dem Vorfeld besonders aufschlussreich ist ein Interview in der österreichischen Zeitung der Standard mit Prof. Michael Frass, Vizepräsident der "Ärztegesellschaft für Klassische Homöopathie", das Sie hier finden. Da erfahren wir erst einmal, dass es bei Hochpotenzen egal ist, ob man zwei oder 500 Globuli schluckt. Das stimmt genau, man kann auch gar keine schlucken, denn in Hochpotenzen ist nichts drin. Kurz darauf wird dann munter über eine Überdosis von Niedrigpotenzen geschwafelt und von einem - nicht verifizierten, aber durchaus denkbaren - Fall berichtet, in dem die unkontrollierte Einnahme niedrig potentierten Arsens - Überraschung - zu einer Arsenvergiftung geführt hat. Das ist der klassische "Strohmann". Nach der Lehre der Homöopathie sollten Niedrigpotenzen (also weniger als D30/C15) eine geringere Wirkung entfalten, weil die Verdünnung die Wirkung potenziert. Ich bestreite nicht, dass in Arsenicum D3 noch Arsen enthalten ist (1:1000) und man sich damit vergiften kann. Umso schlimmer, dass dieses "Arzneimittel", das keinerlei nachgewiesene Wirkung hat, ohne klinische Studien nur aufgrund eines "Binnenkonsenses der Homöopathen" in Verkehr gebracht werden darf. Was aber nicht stimmt - und vorsichtshalber von Herrn Prof. Frass auch nicht behauptet wird - ist, dass Arsenicum D30 noch Arsen enthält (1:1.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000). Und darum ging es uns.

Weiter gehts mit praktischen Vorschlägen: Im WDR-Interview erfahren wir von einem Arzt zunächst einmal, dass es egal ist, ob man zwei oder 500 Globuli nimmt (hatten wir das nicht schon mal gehört?), um dann gleich mit besorgter Mine mitgeteilt zu bekommen, das aber nach ein paar Tagen sich sehr wohl schädliche Wirkungen einstellen werden. Der Widerspruch ist der - völlig unkritischen - Moderatorin aber keine Nachfrage wert. Egal, schwurbeln wir einfach weiter... Ist doch auch egal, was der olle Hahnemann gesagt hat, solange wir nur weiter mit Zuckerkügelchen Geld verdienen können. Nochmal: Mir geht es immer noch gut.

Interessant ist der Hinweis, dass ja nur ein paar Teilnehmer an der Aktion teilgenommen haben (in Köln immerhin mehr als 20). Ich frage mich: Was will uns das sagen? Dass die Skeptiker-Bewegung keine Massenbewegung ist? Das wusste ich auch schon vorher. Die Demonstration, dass in den Fläschchen der Homöopathen nichts drin ist, ist doch von der Zahl der Teilnehmer völlig unabhängig. In der Antarktis hat ein einziger Teilnehmer - unter Aufsicht des Bordarztes - eine ganze Flasche eines homöopathischen Schlafmittels genommen. Hatten die Homöopathen mit einer Massenveranstaltung gerechnet? Die hat es gegeben: In Manchester haben die über 300 Teilnehmer der QED-Konferenz eine Überdosis genommen. Der Effekt ist doch der gleiche: Egal ob 2, 20, 200 oder 2.000 Teilnehmer: Es ist nichts drin.

Eine Vielzahl von Kommentatoren der YouTube-Videos wiederholt mantramäßig die Frage "Was wollt ihr damit beweisen?" - "Danke, ihr habt bewiesen, das Homöopathie keine Nebenwirkungen hat" oder abgewandelt: "Das beweist doch nicht, dass Homöopathie nicht wirkt" - "Das ist keine wissenschaftliche Studie". Das ist übrigens alles richtig, ich stimme ausdrücklich zu: Die 10:23-Kampagne ist keine wissenschaftliche Studie, sondern eine Demonstration. Homöopathie hat keine Wirkung, also auch keine Nebenwirkung (jedenfalls bei Hochpotenzen) und die Einnahme einer Überdosis beweist nicht, dass Homöopathie nicht wirkt. Alles richtig, aber irrelevant. Die Aktion sollte zeigen (demonstrieren), dass in den angeblich besonders wirkungsvollen Hochpotenzen nichts drin ist, was wirken könnte. Es sind Zuckerkügelchen, sonst nichts. Und ja, Homöopathen behaupten auch nicht, dass in Hochpotenzen was drin ist - aber sagen sie es auch den Patienten, denen sie Belladonna C30 verabreichen? Sprich: Wieviele Patienten, die Homöopathie für eine Naturheilkunde halten (ist sie nicht, behaupten auch die Homöopathen nicht), wissen, dass sie reinen Zucker schlucken, der auf irgendeine magische Weise schwingt oder sonstwie magischen Einfluss auf unsere Gesundheit hat?

Im Übrigen wollen wir doch die Beweislast nicht verkennen: Nicht die Skeptiker müssen beweisen, dass Homöopathie nicht wirkt. Wer mit Zuckerpillen Geld verdient, der muss seine Behauptung beweisen, dass es sich um ein wirksames Arzneimittel handelt. Und das ist den "seit 200 Jahren etablierten" (Zitat aus dem Eingangsstatement der WDR-Moderatorin) Homöopathen bis heute für keine einzige Indikation gelungen. In 200 Jahren nicht.

Für Fans: Zusammenstellungen von Videos finden sie hier:
YouTube-Kanal von Skeptiker1023 - mit Videos aus dem deutschsprachigen Raum
ECSO - European Council of Skeptical Organizations
und natürlich auf der Hompage der 1023-Kampagne.

Kommentare:

  1. Die Anzahl an Teilnehmern ist nicht ganz egal, wenn es sehr sehr viele wären, wäre eine gute Chance, dass einer der Teilnehmer danach plötzlich wegen irgend etwas sehr krank wird. Blöder Gedanke, aber wenn man weiß wie die Homöopathen die Realität biegen könnten die sich glatt da drauf stürzen.

    "Sprich: Wieviele Patienten, die Homöopathie für eine Naturheilkunde halten (ist sie nicht, behaupten auch die Homöopathen nicht), wissen, dass sie reinen Zucker schlucken"

    Höchstens 17 %, wenn man der Umfrage vom vorletzten Jahr glauben kann.

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  2. Wir haben am 5.2. Symptom-Bingo gespielt. Knapp 10 Mitspieler haben mehrfach Glaubuli gelutscht ohne zu wissen was auf der Flasche stand. Weitere knapp 10 Leute haben nichts genommen. Am nächsten Tag wurde dann geraten, welche Symptome hätten auftreten sollen. Ergebnis: 0 Treffer. Auf dem Fläschchen stand "Ipecacuanha D12".

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  3. Naja, die Aktion war nicht als Massenveranstaltung geplant. Daher ist das ein Strohmannargument. Aber keine Sorge, wir werden sicherlich überlegen, ob wir daraus mal ne 400 Mann/Frau Aktion machen. Ich wage aber mal ne Prognose. Die Homöopathen werden viele, viele Ausreden haben, warum das auch egal ist ;-)
    Hier noch ein Linktipp. http://news.doccheck.com/de/article/203063-homoeopathie-spassattacke-auf-die-verduenner/

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